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Der Apokalypsenteppich von Angers

Man müsste mal die gesamte Apokalypse auf einem Teppich darstellen, hat sich anscheinend vor über 600 Jahren der französische Herzog von Anjou, Ludwig I., gedacht und anschließend den größten europäischen Wandteppich in Auftrag gegeben – den Apokalypsenteppich von Angers. Mit seinen 103 Metern Länge und 4,5 Metern Höhe übertrifft er sogar noch den Teppich von Bayeux (wir erinnern uns: gerade einmal knappe 70 Meter lang und noch nicht einmal einen halben Meter hoch). Und das ist noch nicht mal alles – man geht davon aus, dass der Teppich von Angers ursprünglichen 140 Meter lang und 6 Meter hoch war – Teile davon sind allerdings verloren gegangen oder wurden zerstört.

Wie bei so vielen alten Kunstwerken ist es heute schwer, den genauen Grund für die Erstellung des Wandteppichs herauszufinden. Dass Bildteppiche oder auch Tapisserien repräsentative Funktionen vor allem als Hintergrundbilder für Zeremonien hatten, wurde bereits an dieser Stelle erwähnt. Ebenso die Tatsache, dass sie zum Teil mit dem Herrscher auf Reisen gingen. Dass ein so gewaltiges Werk wie der Apokalypsenteppich jedoch nicht für einen bestimmten Ort und Anlass geschaffen wurde, ist kaum vorstellbar. Dennoch kann nur vermutet werden, dass das zwischen 1370 und 1380 entstandeneWerk für den Kreuzorden gedacht war, den Ludwig I. kurz zuvor gegründet hatte.

Insgesamt bestand das Werk ursprünglich aus großen 6 Teilen mit insgesamt 84 Einzelszenen, die entweder auf rotem oder blauem Grund ausgeführt wurden. Entstanden ist das Werk in Pariser Teppichwebereien nach Vorlagen von Hennequin de Bruges. Interessant dabei ist, dass die Motive der Bilder zwar dem biblischen Text aus der Johannes-Offenbarung entnommen sind und Aufschluss über die damalige Interpretation des biblischen Textes geben, darüber hinaus aber auch stark von ihrer eigenen Zeit geprägt sind. Durch die ausführliche Darstellung der Figuren und Stadtansichten können wir heute viel über die alltäglichen Lebensgewohnheiten der Menschen des 14. Jahrhunderts erfahren und uns auch von ihrer Gedanken- und Vorstellungswelt ein Bild machen.

Auch wenn es angesichts der beeindruckenden Bilder kaum vorstellbar ist: über die Jahrhunderte hinweg wurde dem Wandteppich immer weniger Aufmerksam zu Teil und während der Französischen Revolution wurde er sogar zerstört und zweckentfremdet (z.B. als Pferdedecke). Die meisten, aber nicht alle Teile wurden später wiedergefunden. Heute allerdings befindet er sich im Schloss Angers in einem eigens dafür errichteten Gebäude, in dem das gesamte Werk zur Geltung kommt und besichtigt werden kann.

 

Beitragsbild: Ansicht der Halle mit dem Apokalypsenteppich von Angers. Photographer: Kimon Berlin

Eva: